Lesen im Fachunterricht

Sachtexte im Fachunterricht einsetzen

Wege im Umgang mit Sachtexten im Unterricht Wege im Umgang mit Sachtexten im Unterricht

Sachtexte, z.B. Lehrbuchtexte, spielen eine zentrale Rolle beim Lernen. Ihr Einsatz indes ist mit vielen Hürden verbunden. Die Schülerinnen und Schüler verstehen die Texte nicht, da diese fachlich und sprachlich zu anspruchsvoll sind.

„Beim Einsatz von Sachtexten im Unterricht gibt es grundsätzlich zwei Wege".

Sie vermögen diese nicht passend zu lesen, da ihnen Lesestrategien fehlen und sie im Lesen nicht hinreichend geübt sind. Lehrkräfte wissen um diese Hürden und umgehen diese, indem sie auf den Einsatz der Lehrtexte verzichten, diese vereinfachen oder nach alternativen Texten suchen. Darüber hinaus sind viele Fachlehrkräfte in der Lesedidaktik unkundig, da diese nicht Gegenstand ihrer Lehrerausbildung war.

Beim Einsatz von Sachtexten im Unterricht gibt es grundsätzlich zwei Wege:

  1. Anpassung des Lesers an den Text: Der Leser wird in seiner Lesekompetenz geschult, indem ihm Lesehilfen gegeben, Lesestrategien vermittelt und diese trainiert werden.
  2. Anpassung des Textes an den Leser: Der Text wird vereinfacht und an die Fähigkeiten des Lesers angepasst oder es werden alternative Texte gesucht.

Wenn man dem Leser langfristig die Kompetenz vermitteln will, sich Texte eigenständig zu erschließen, dann muss ihm der Unterricht dazu Gelegenheiten bieten und die Texterschließung muss immer wieder trainiert werden. Deshalb ist die Anpassung des Lesers an den Text die vordringlichste Aufgabe um Lesekompetenz aufzubauen und zu entwickeln.

„Die Förderung der Lesekompetenz ist ein zentraler Bildungsauftrag von Schule.“

Es gibt Texte, die sind Lesern einfach nicht zumutbar. Dann ist eine Anpassung des Textes an den Leser geboten. Es soll beispielsweise ein fachliches Problem erklärt werden. Die Erklärungen im Text sind jedoch derart unverständlich, dass dieses Ziel mit diesem Text nicht erreicht werden kann. Wenn Erschließungshilfen auch nicht weiterhelfen, dann muss der Text vereinfacht oder gar komplett neu verfasst werden. Sachtexte aus Lehrbüchern sind schon oft für muttersprachige Lerner sehr schwer, für schwache Leser oder für Lernende mit Migrationshintergrund sind sie in der Regel sprachlich überfordernd. Für diese Lernergruppe müssen die Texte im Bedarfsfall an die Leser angepasst werden.

Was heißt Leseverstehen?

„Im Text steht doch alles drin, du musst es nur rausholen.“ Diese Aufforderung missdeutet das Lesen als rein rezeptiven Vorgang und zeigt eine vordergründige und für den Unterricht fragwürdige Vorstellung von Leseverstehen. Lesen ist keineswegs ein bloßes Dekodieren der Buchstaben, Wörter und Sätze eines Textes, sondern ein individueller Konstruktionsprozess.

„Der Text muss eine angemessene „kognitive Dissonanz“ zum Wissen des Lesers bereithalten, die erfolgreich bewältigt wird."

Der Leser bringt sein Wissen ein, aktiviert seine Vorkenntnisse zum Thema und greift auf frühere Leseerfahrungen zurück. Das Leseverstehen wird durch unterschiedliche Assoziationen, Gedankenspiele, Erinnerungen, Hypothesen, Empfindungen, Aha-Erlebnisse, aber auch durch Fragen, Widersprüche, Ängste, Verzweiflung und gar Empörung auf sehr individuelle Art begleitet. Leseverstehen als Gefühl des Verstanden-Habens stellt sich erst ein, wenn sich ein befriedigendes Sinnverständnis aufgebaut hat, wenn das Neue dem Alten passend zugeordnet ist, wenn Sinnlücken geschlossen sind und wenn Kohärenz erfahren wird, d.h. wenn alles zueinander passt. Ganz entscheidend ist das Gefühl „etwas dazugelernt zu haben“. Dazu muss der Text eine angemessene „kognitive Dissonanz“ zum Wissen des Lesers bereithalten, die erfolgreich bewältigt wird. Wenn das geschieht, dann sagt der Leser: „Der Text hat mir etwas gegeben.“ Leseverstehen folgt auch dem Matthäus-Prinzip: Wer hat dem wird gegeben: Wer bereits über eine solide Wissensgrundlage verfügt, dem gibt der Text noch mehr.

Herauslesen und Hineinlesen Herauslesen und Hineinlesen

Der Leseevorgang ist ein vielschrittiger mentaler Prozess. Schon beim Herangehen an den Text und beim ersten Sichtkontakt bauen sich Erwartungshaltungen und Verstehensvermutungen auf, werden Hypothesen gebildet und Assoziationen zum Vorwissen hergestellt. Anschließend findet das Wechselspiel von „Herauslesen“ und „Hineinlesen“ statt. Der Text wird vom Leser benutzt, um Vorstellungen aufzubauen (Herauslesen). Damit und mit seinem Vorwissen baut der Leser Erwartungen (Verstehenshypothesen) an den Text auf und prüft sie am Text (Hineinlesen). Erst im Zusammenspiel beider Verarbeitungsprozesse konstruiert der Leser sein Textverstehen i. S. einer Sinnkonstruktion. So tritt er gewissermaßen mit dem Text in einen dialogischen Prozess des Aushandelns.

Lesen kann als doppelt zyklischer Prozess modelliert werden:

  1. Herauslesen als Bottom-Up-Prozess: Text geleitet aufsteigend konstruiert der Leser Vorstellungen aus den Textinformationen und seinem Vorwissen.
  2. Hineinlesen als Top-Down-Prozess: Schema geleitet absteigend überprüft der Leser die Stimmigkeit seiner Vorstellungen am Text und passt sie ggf. an.
„Lesen ist ein Konstruktionsprozess, Lesen ist Sinnkonstruktion."

Lesen ist keine passive Rezeption dessen, was im jeweiligen Text an Information enthalten ist, also keine Bedeutungsentnahme, sondern aktive (Re-)Konstruktion der Textbedeutung, also Sinnkonstruktion.

Was können Lehrkräfte in der Lesedidaktik lernen?
Sachtexte im Unterricht lernfördernd einzusetzen ist einfach, wenn einige wenige Grundprinzipien der Lesedidaktik berücksichtigt werden.

Grundbegriffe zur Lesedidaktik Grundbegriffe zur Lesedidaktik

Die Lesedidaktik hat Prinzipien erarbeitet bei deren Einhaltung der Leseprozess nachweislich befördert wird. Beispielsweise sollte man grundsätzlich von dem ausgehen, was vom Leser bereits verstanden wird - sogenannten Verstehensinseln - und nicht nach dem Nichtverstandenen fragen. Weitere Prinzipien finden sich in der Literatur (Leisen 2013, S. ).

Der in der PISA-Studie zugrunde liegende Ansatz einer „Reading Literacy“ fasst Lesekompetenz als eine grundlegende Form kommunikativen Umgangs mit der Welt auf. Lesen wird nicht auf den rein technischen Vorgang des Lesenkönnens reduziert. Zum Textverständnis gehört auch die Fähigkeit, Texte funktional zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, eigene Potenziale weiterzuentwickeln und um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Einen Roman liest man anders als einen Sachtext. Das wissen zwar die Lernenden, aber dennoch gehen sie meistens beide Textsorten mit derselben Methode an: Sie beginnen am Anfang und lesen ihn Wort für Wort durch bis zum Textende. Leser müssen lernen, wann sie welchen Text wie, d.h. nach welchem Lesestil, lesen sollen: selektiv, orientierend, extensiv, intensiv oder zyklisch.

„Sachtexte im Unterricht lernfördernd einzusetzen ist einfach, wenn einige wenige Grundprinzipien der Lesedidaktik berücksichtigt werden."

Schließlich müssen die Lernenden strategisch an die Texterschließung herangehen. Eine Lesestrategie ist eine Erschließungshilfe, um einen Text zu erschließen und zu verstehen. Es gibt verschiedene Lesestrategien, die aber zum Text und zum Leser passen müssen. Lesestrategien führen fast immer zu Leseprodukten. Leseaufträge und Lesehilfen unterstützen den Leser bei der Texterschließung.

Sachtexte sollte man gezielt zum Aufbau der Fachkompetenz und der Lesekompetenz einsetzen. Deren Einsatz muss dabei didaktisch begründet sein. Das Ziel des Texteinsatzes bestimmt den Umgang, d.h. die Wahl der Lesestrategie und die Formulierung der Leseaufträge. Über eine geeignete Strategie und über gute Leseaufträge werden Lernende veranlasst, mit dem Text „in einen Dialog” zu treten, d.h. sich eigenständig mit dem Text auseinander zu setzen. Dabei ist der Wechsel der Darstellungsform eine besonders effektive Strategie. Gute Leseaufträge knüpfen an das Wissen des Lesers an und bauen es aus. Mit immer anderen Aufträgen werden Lernende zur erfolgreichen produktiven Bearbeitung des Textes gebracht, d.h. man folge dem Prinzip der zyklischen Bearbeitung. Man starte mit dem, was man schon versteht, und nicht mit dem, was man nicht versteht, d.h. eine Texterschließung geht von den „Verstehensinseln“ aus. Man bringe „gute Texte“ in den Unterricht ein. Das sind solche, die den Lernenden passend herausfordern und ihn in einen Dialog mit dem Text bringen.